Etsy – eine Aktie für Spekulationsfreudige und Selbermacher

Bevor ich eine Aktie kaufe, beobachte ich sie eigentlich eine Weile und schaue mir das Unternehmen genauer an. Letzte Woche habe ich jedoch einen Kauf aus dem Bauch heraus getätigt – und mich auf die Aktie von Etsy gestürzt. Zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass ich mit hohem Fieber im Bett lag und nicht mehr vernünftig denken konnte.

Bevor ich meine Beweggründe erläutere, möchte ich noch einige Worte über Etsy selbst verlieren, denn das Unternehmen ist hierzulande sicherlich nicht jedem Internetnutzer oder gar Anleger bekannt. Bei Etsy handelt es sich um ein E-Commerce-Unternehmen aus Brooklyn – sehr ähnlich seinem deutschen Pendant Dawanda.

Etsy bietet Liebhabern von Handgearbeitetem und Vintage-Artikeln eine Plattform bzw. einen Marktplatz, auf dem „Maker“ und Käufer zueinanderfinden, Inzwischen ist Etsy weltweit aktiv und hat nach eigener Aussage 1,4 Millionen aktive Verkäufer und 19,8 Millionen Käufer, die aus 29 Millionen Artikeln auswählen können. Vor allem in den USA hat sich das Unternehmen zu einer Art „Community“ für überzeugte Selbermacher und Massenkonsumverweigerer entwickelt. Die Plattform ermöglicht den Kontakt zwischen Kunsthandwerkstreibenden und ihren Kunden, die gern auch mal offline kaufen.

Der Markt für Selbstgemachtes ist in den letzten Jahren enorm gewachsen – genauso wie Etsy. Im April ist das Unternehmen an die Börse gegangen und hat gleich einen fulminanten Start hingelegt. Am ersten Börsentag schoss der Eröffnungskurs der Aktie von rund 16 Dollar auf über 30 Dollar. Danach ging es jedoch kontinuierlich abwärts.

Letzte Woche lag ich nun also krank im Bett, dachte beim Blick auf den Kursverlauf, dass die Aktie stark genug gefallen sei – und habe zugeschlagen. Ganz unüberlegt war der Kauf nicht, auch wenn ich mich mit den Zahlen vorher nicht intensiv auseinander gesetzt hatte.

Meine Beweggründe sind folgende:

Das Geschäftsmodell. Alles funktioniert ein wenig wie bei Ebay. Der Verkäufer zahlt eine Gebühr für das Einstellen der Artikel und eine zusätzliche Provision bei erfolgreichem Verkauf. Für Künstler und Handwerksschaffende die Ideale Plattform, um ihre Einzelstücke an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ebay hat die erfolgreichsten Zeiten längst hinter sich und die „Maker-Scene“ setzt eher auf eine individuelle Plattform, fernab vom Mainstream. Ebay ist zwar immer noch groß, aber längst nicht mehr so angesagt. Etsy bedient eine interessante Nische mit einem großen Kundenpotential.

Die inzwischen gewachsene Community, die das Unternehmen auch aufgrund seiner Werte schätzt. Etsy will ein transparentes Unternehmen sein, bei der die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht. Chef Chad Dickerson ist davon überzeugt, dass geschäftliche Interessen und soziale sowie ökologische Verantwortung eng miteinander verknüpft sind und möchte entsprechend handeln. Solche Leitlinien schaffen bei dem Kundenstamm, der auf Selbstgemachtes setzt, vertrauen. Hier lauert aber auch eine Gefahr: Als börsennotiertes Unternehmen muss man auch seine Anleger glücklich machen. Ob Etsy der Balanceakt gelingt, Anleger mit ordentlichen Gewinnen zu beglücken und dabei seine Werte nicht aufs Spiel zu setzten, wird sich in Zukunft zeigen. Einigen Community-Mitglieder ist Etsy bereits jetzt zu groß geworden. Sie sehen die Prinzipien aus Gründertagen längst verraten und kehren dem Marktplatz den Rücken.

Die Expansionspläne. In den USA ist Etsy eine feste Größe. Wie bei anderen Unternehmen dient auch dieser Börsengang dazu, Geld für ein weiteres internationales Wachstum einzusammeln. Ich sehe hier durchaus Potential. In Europa ist Etsy noch nicht so stark präsent, den Markt für Selbstgemachtes sehe ich weiter wachsen. In einer Überflussgesellschaft, in der jeder schon alles hat, sind immer mehr Menschen auf der Suche nach individuellen Produkten.

Der Zeitgeist, der vermehrt auf Selbermachen und Selbstgemachtes setzt. Hier in München sehe ich vermehrt Läden eröffnen, die Materialien zum Selbermachen anbieten, beispielsweise Wolle, Stoffe und anderen Bastelbedarf. Passend dazu werden Kurse und wöchentliche Treffen zum Austausch im gleichen trendigen Laden oder auch im Café nebenan angeboten. Etsy-Verkäufer bieten darüber hinaus nicht nur fertige Produkte an, sondern auch das passende Zubehör und Material. Es ist die Plattform für Hipster.

Allerdings ist Vorsicht durchaus angebracht.

Was gegen den Kauf von Etsy spricht sind die Zahlen: Das Unternehmen schreibt tiefrote Zahlen und CEO Chad Dickerson hat auch nicht in Aussicht gestellt, dass sich das bald ändern könnte. Außerdem könnte das Unternehmen Probleme mit Plagiaten bekommen, die zum Teil über die Plattform gehandelt werden.

Dennoch glaube ich daran, dass das Papier an der Börse erfolgreich sein wird. Bei den kleinsten positiven Ausblicken werden sich die Anleger auf die Aktie stürzen – ähnlich wie bei Tesla. So lange der Kundenstamm und das Unternehmen wachsen, hat der Kurs gutes Potential. Letztlich habe ich vergangene Woche auch mit Blick auf die Veröffentlichung der Quartalszahlen in dieser Woche gekauft. Sollten die Zahlen wider erwarten positiv ausfallen, wird der Kurs erheblich steigen. Ich gehe davon aus, dass das Unternehmen weiter auf Wachstumskurs ist – und hoffe insgeheim auf ein nicht ganz so kräftiges Minus wie noch im Jahr 2014.

Mein Fazit:

Mit dem Börsengang ist Etsy Mainstream geworden. Einigen eingefleischten Individualisten und überzeugten Ökojünger ist das mit Sicherheit zuviel. Ich glaube dennoch, dass auch Künstler am Ende ihre Werke gerne verkaufen – und wenn sich mehr potentiale Kunden auf der Seite tummeln, ist es für das Geschäft sicherlich nicht schädlich. Ich bin überzeugt, dass Etsy durch das Geld aus dem Börsengang seine Expansion weiter vorantreiben und über kurz oder lang den Turnaround schaffen und auch Gewinne erzielen wird. Dennoch: Die Aktie ist sehr spekulativ – und somit sicherlich nichts für Anleger, die auf Sicherheit setzen.

 

Aktienkurs von Etsy seit Börsengang am 16.04.15 (in US-Dollar)

 

 

Disclaimer:

Meine Einschätzungen und Bewertungen von Unternehmen, deren Produkten sowie deren Zukunftsperspektiven sind subjektiv und gewiss nicht allumfassend. Wer meinen Empfehlungen folgt, tut dieses auf eigene Gefahr, ich übernehme keine Haftung.

Foto: Quelle Etsy

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