Wenn Teilzeitträume auf deutsche Präsenzkultur treffen

Großes Thema am vergangenen Wochenende in der BILD am Sonntag war die niedrige Geburtenrate in Deutschland. Auch Familienministerin Manuela Schwesig kam in diesem Zusammenhang zu Wort und erklärte in einem Interview, dass die Wirtschaft eine Teilschuld an der niedrigen Geburtenrate habe. Auf die Fragen, was sie tun würde, wenn sie ganz alleine über die Familienpolitik bestimmen könnte, meinte die Ministein unter anderem, dass sie gerne eine Familienarbeitszeit von 32-Wochenstunden für Eltern einführen würde. Prinzipiell ist das eine prima Idee – die Realität ist davon jedoch meilenweit entfernt. Ein kleiner persönlicher Erfahrungsbericht über das, was man in Bewerbungsgesprächen heutzutage so erlebt.

Das Interview, das bei Bild+ (kostenpflichtig) oder auch auf der Seite des Familienministeriums (kostenfrei) nachzulesen ist, hatte in den Medien große Resonanz. Frau Schwesig lieferte viele knackige Zitate, die schlagzeilentauglich waren. Ich stimme zwar selten Forderungen der Sozialdemokraten zu, aber Frau Schwesigs Ansinnen einer Familienarbeitszeit gefällt mir durchaus. Mir fehlt es jedoch schlicht an Phantasie, um einen praktikablen Weg zu finden, ein solches Modell hierzulande umzusetzen.

Wenn es um anspruchsvolle Jobs für gut ausgebildete Angestellte geht, dann herrscht in Deutschland die Ansicht, dass solche Aufgaben unmöglich in „Teilzeit“ abzuarbeiten sind. Für viele Arbeitgeber ist ein Job in Teilzeit schlicht unvorstellbar – so zumindest meine Erfahrungen aus über einem Jahr in Bewerbungsprozessen. Hier ein paar Beispiele aus meinen Gesprächen:

Vor ein paar Wochen hatte ich ein Gespräch für einen interessanten Job. Die Stellenbeschreibung war ähnlich der meines letzten Jobs als Referentin. Das Gespräch begann vielversprechend, und mein Gegenüber schien durchaus Interesse an mir und meinen Fähigkeiten zu haben. Dann kam die Frage, wie ich mir denn die Zusammenarbeit vorstelle. Ich erläuterte, dass ich gerne 30-35 Wochenstunden arbeiten würde. Denn Vollzeit sei für mich mit den beiden Kindern aktuell nur schwer umsetzbar. Prompt merkte ich, wie das Gespräch kippte. Am Ende des Gesprächs wusste ich, dass aus dem Job nichts wird. Die Reaktion auf meinen Wunsch nach einer „reduzierten Arbeitszeit“ hatte das deutlich gezeigt.

Ich vermeide daher bei solchen Gesprächen bewusst den Ausdruck „Teilzeit“. Das klingt immer gleich nach Halbtagskraft, die nur kurz am Vormittag vorbeischaut, obwohl 30 bis 35 Stunden fast Vollzeit sind – allerdings in geregelten Zeitbahnen. Regelmäßig bis weit nach Feierabend im Büro sitzen – das klappt einfach nicht.

So kam dann auch einige Tage später der Anruf mit der Absage. Die Begründung lautete wörtlich: „Also Teilzeit können wir uns so gar nicht vorstellen.“ Es mögen vielleicht auch noch andere Gründe eine Rolle gespielt haben, das Killerkriterium war jedoch mein Wunsch weniger zu arbeiten. Dabei sind 30 bis 35 Wochenstunden objektiv betrachtet sehr nah an einer Vollzeitstelle. Jedoch ist eine reduzierte Arbeitszeit sehr weit weg von der Realität deutscher Präsenzkultur. Hierzulande wird derjenige am meisten geschätzt, der die längste Zeit an seinem Schreibtisch absitzt und nicht etwa derjenige, der die beste Arbeit leistet. Da ist es dann auch schwer vorstellbar, dass jemand „nur“ 30 Stunden die Woche arbeitet. Das heißt nämlich, hier beansprucht jemand wirklich die Einhaltung der Arbeitszeiten.

In einem Vorstellungsgespräch für einen anderen Job im öffentlichen Dienst vor rund einem Jahr hatte ich ein nicht minder ernüchterndes Erlebnis. Ich fragte nach den Kernarbeitszeiten und wie die Abteilung gedenke, die 30 Wochenstunden, um die es bei dem Job gehen sollte, am sinnvollsten einzuteilen. Der potentielle Chef (zuvor offensichtlich in der freien Wirtschaft tätig), beschwerte sich daraufhin über seine Mitarbeiter, die es sich herausnehmen würden, nach Ende der Kernarbeitszeit um 15 Uhr das Büro einfach so zu verlassen. Es sagte, dass die Kollegen zwar sehr früh im Büro seien und Ihre 8 Stunden absitzen würden, jedoch fehlte ihm jegliches Verständnis dafür, dass die Mitarbeiter pünktlich gehen. Ob diese Mitarbeiter vielleicht gute Arbeit leisten, spielte überhaupt keine Rolle.

Anfang des Jahres hatte ich ein weiteres irritierendes Gespräch über Arbeitszeiten. Dabei ging es um eine Stelle mit 25 Wochenstunden. Gewünscht war ein Kandidat mit Hochschulabschluss und Berufserfahrung. Man war jedoch nur bereit, ein Gehalt auf Mindestlohnniveau zu zahlen. Gegen Ende des Gesprächs wies mich der Personalverantwortliche noch darauf hin, dass es bei diesem Job keinen pünktlichen Feierabend gebe. Mit den Worten, „wenn es kurz vor Feierabend noch Arbeit gibt, dann können Sie selbstverständlich nicht einfach gehen“, beendete er das Gespräch.

Diese Aussage bringt es auf den Punkt: Hierzulande ist es selbstverständlich, dass man NICHT pünktlich geht. Aus diesem Grund sind Mütter auch keine gern gesehenen Arbeitskräfte. Sie haben nämlich noch eine andere Verpflichtung: Kinder – und die erwarten ebenfalls sehr nachdrücklich, dass man die mit ihnen getroffenen Vereinbarungen einhält.

Es gilt: Selbst wenn man nach getaner Arbeit und acht Stunden am Schreibtisch bereits um 17 Uhr das Büro verlässt, wird man schief angeschaut. Man scheint dann nicht ausgelastet zu sein oder vernachlässigt gar seine Arbeit. Wer pünktlich geht, muss sich regelrecht davonstehlen.

Die ständige Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel tut ein übriges – trägt sie doch dazu bei, dass zu keiner Stunde Ruhe einkehrt. Denn es gibt immer noch jemanden, der zu nachtschlafender Zeit E-Mails verschickt und auch postwendend auf eine Antwort wartet. Als Elternteil braucht man allerdings zwingend einen geregelten Feierabend, denn Kinder wollen und benötigen volle Aufmerksamkeit. Wir Erwachsenen mögen es schließlich auch nicht, wenn unser Gegenüber mit dem Smartphone hantiert, während wir versuchen mit ihm zu sprechen.

Die Poltik hat in den letzten Jahren durch den Kita-Ausbau durchaus dazu beigetragen, dass beide Eltern arbeiten gehen können. Von einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann allerdings keine Rede sein. Dazu gehört mehr, als nur für einen bestimmten Zeitraum die Kinder betreut zu wissen – um dann zur Arbeit zu hetzen, mit schlechtem Gewissen alle Jobs schnell abzuarbeiten, um sich schließlich davonzustehlen, weil man seine Kinder wieder abholen muss. Nötig wäre ein ehrliches Umdenken seitens der Wirtschaft – jenseits der üblichen PR-Platitüden. Das scheint auch Frau Schwesig so zu sehen. Gegenüber BamS erklärte sie:

 „Vollzeit arbeiten, am besten über Handy und Mails rund um die Uhr zur Verfügung stehen, sich gleichzeitig um Kinder und pflegebedürftige Eltern kümmern – das bringt Familien an die Grenze ihrer Belastung. Es wäre ein Riesenfortschritt, wenn in der Arbeitswelt auf Familienzeiten geachtet würde.“

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat neulich in einem Beitrag auf Ihrem YouTube-Kanal erklärt, das zwei 40-Stunden-Jobs für Familien mit Kinder schwer umsetzbar seien. Arbeitgeber müssten sich hier mehr bewegen und Eltern flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen.

Mein Fazit: Unternehmen schreiben sich zwar gern Familienfreundlichkeit, Work-Life-Balance und anderes Gedöns auf ihre Fahnen. Sowas macht sich in Unternehmensbroschüren gut. Doch meist handelt es sich nur um schöne Worte auf Hochglanzpapier. Die Realität ist eine andere. Damit sich in der Arbeitswelt tatsächlich etwas bewegt, muss der viel beschworene Fachkräftemangel noch stärker zuschlagen, auf dass es die Wirtschaft schmerzt und man keine andere Wahl mehr hat, als dem weitläufigen Teilzeitwunsch nachzugeben.

Wenig tröstlich: Meine Kinder werden bis dahin wohl schon längst aus dem Haus sein.

 

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